Wenn dich plötzlich die Giraffe küsst

Rothschild-Giraffen sind vom Aussterben bedroht. Deshalb leben sie in Kenia an einem sicheren Ort. Der zehnjährige Alex aus Nürnberg hat mit seinen Eltern Urlaub in Kenia gemacht und dort das Giraffencenter besucht – und das Elefantenwaisenhaus. Da wohnen lauter kleine Elefanten, die keine Eltern mehr haben. Bei den Pflegern haben sie es aber gut und bekommen viel Milch. Lies, was Alex bei den Giraffen und Elefanten erlebt hat.

 

Nicht nur aus dem Mund, sondern auch aus der Hand lässt sich Rothschild-Giraffe Margrethe füttern. Foto: Seidl

 

Alex (10) nimmt das gepresste Giraffenfutter zwischen die Lippen. Dann geht er auf die Giraffe Margrethe zu. Margrethes blaue, sehr, sehr lange Zunge schießt heraus und schnappt sich das Futter. Es sieht ein bisschen so aus, als würden sich die beiden küssen. Nur, dass Margrethe dabei der Sabber aus dem Mund läuft. Iiiieh, denkst du dir bestimmt gerade. Aber keine Sorge. Alex kann davon nicht krank werden. Denn die Spucke der Giraffen tötet böse Bakterien und Viren ab. Das alles weiß Collins, der 28 Jahre alte Tierpfleger. Er arbeitet im Giraffencenter in der Nähe der kenianischen Hauptstadt Nairobi. Kenia ist ein Land in Afrika. Um von hier aus dorthin zu kommen, fliegt man zehn Stunden im Flugzeug.

 

Vom Turm aus füttern

 

Pfleger Collins erzählt Alex, dass Giraffen die höchsten Tiere der Erde sind. Sie können bis zu fünf Meter groß werden. Das ist so hoch wie ungefähr sechs Kinder aufeinander. Deshalb steigen die Besucher des Giraffencenters auch auf einen Turm, um die Tiere zu füttern. Wenn Giraffen fressen, sieht das so ähnlich aus wie bei Kühen. Weil sie genau wie die Kühe ihr Gebiss hinund herbewegen. Um die Blätter von den Bäumen knabbern zu können, haben Giraffen eine ganz besonders lange Zunge. Sie kann bis zu 50 Zentimeter lang werden. So groß wie ein Baby.

 

Margrethe und die anderen elf Giraffen leben im Giraffencenter, weil sie vom Aussterben bedroht sind. Sie gehören zur Art der Rothschild- Giraffen. Von denen gibt es in Kenia nur noch wenige. Weil es immer mehr Menschen gibt, die Platz für ihre Häuser und Wasser brauchen. Sie vertreiben die Giraffen oft. Im Giraffencenter dagegen sind die Tiere sicher und haben genug Platz. Jeden Tag bekommen sie Fressen und Wasser von den Pflegern.

 

Margrethe wurde von ihrer Mama im Stehen geboren – wie alle anderen Giraffen auch. Während der Geburt ist sie aus zwei Metern Höhe heruntergepurzelt. Das hat ihr nicht wehgetan, sondern war wichtig, damit ihr Herz zu schlagen und ihre Lunge zu atmen beginnt. Giraffen schlafen sogar im Stehen.

 

Wie Menschenbabys hat Margrethe lange nur Milch von ihrer Mama getrunken. Später hat sie dann Blätter dazu gefressen. Und wenn sie drei Jahre alt ist, wird sie in die Freiheit entlassen. An einen See namens Nakuru. Dort wird sie sich in einen Giraffenmann oder eine Giraffenfrau verlieben. Mit ihm oder ihr kuscheln und sich vielleicht sogar küssen. Denn Giraffen können wie Menschen schwul oder lesbisch sein, erzählt Pfleger Collins.

 

Ein Zuhause für Elefantenkinder

 

Das gefällt den Elefantenkindern: Nach dem Füttern werden sie von den Pflegern mit Wasser beschüttet. Foto: Seidl

 

Alex wartet mit seinen Eltern vor einer Absperrung. Er befindet sich im Elefantenwaisenhaus im Land Kenia in Afrika. „Wenn ihr leise seid, kommen die Elefanten auch zu euch. Schiebt eure Finger bitte nicht in deren Mund, da die Kleinen schon Zähne haben. Das kann wehtun“, warnt ein Mann in einem grauen Arbeitskittel über ein Mikrofon. Seine Kollegen halten riesige Trinkflaschen mit Milch in den Händen. Sie sind Tierpfleger.

 

Da hoppelt schon der erste Bewohner des Elefantenwaisenhauses heran, gefolgt von dem nächsten und noch einem, der humpelt. Die Elefantenkinder rennen freudig zu ihren Betreuern, dass der Sand staubt. Insgesamt sind es 24. Sie leben hier, weil sie keine Eltern mehr haben, erklärt der Tierpfleger. Dieser ist für die Elefantenkinder Mama und Papa in einer Person. Sein Kollege ist jetzt vor allem die Mama, die ihm Milch gibt.

 

Wertvolles Elfenbein

 

„Hier kommt der kleine Mtoto“, sagt der Tierpfleger. Mtoto ist Kisuaheli und bedeutet Kind. Kisuaheli ist die Sprache, die in Kenia mit Englisch am häufigsten gesprochen wird. Der Tierpfleger hält dem kleinen braunen Elefanten die Flaschen voller Milch hin, und der saugt gierig daran. „Manche Elefanten können die Flasche mit dem Rüssel schon selbst halten“, sagt der Pfleger. „Sie trinken bis zu 24 Liter Milch am Tag.“ Es gibt verschiedene Gründe, warum die Eltern der Elefantenkinder aus ganz Kenia nicht mehr bei ihnen sind. Da wäre zum einen das kostbare Elfenbein, die Stoßzähne der Elefanten. Aus ihnen wird wertvoller Schmuck gemacht. Ketten, Ohrringe und noch viel mehr.

 

Dieses Elefantenkind hat Glück: Es lebt mit seiner Mutter im Krüger-Nationalpark in Südafrika. Elefanten werden allerdings oft von Wilderern wegen ihrer wertvollen Elfenbein-Stoßzähne gejagt.
Foto: dpa

 

Weil es wenig davon gibt, ist das Elfenbein sehr kostbar und kostet ganz viel Geld. Manchmal schneiden Wilderer den erwachsenen Elefanten die Stoßzähne ab, wenn sie noch leben, andere töten sie. Andere Elefanteneltern werden von Löwen gerissen. Oder von Menschen getötet, weil sie sich mit ihnen um das lebenswichtige Wasser streiten. Oder um den Platz, an dem die Menschen ein Haus bauen wollen. Mtotos Mama ist verhungert. Am schlimmsten ist es für die Babys, wenn sie von ihren Eltern getrennt werden.

 

Jetzt schüttet ein Tierpfleger aus der Pfütze Wasser auf ihn. Mtoto bläst daraufhin mit seinem Rüssel Sand auf seinen Rücken. So wird seine Haut vor der Sonne geschützt. Obwohl sie zwei Zentimeter dick ist, ist sie sehr empfindlich. Wenn Mtoto drei Jahre alt ist, wird er in den Nationalpark ausgewildert. In einen Park, in dem aufgepasst wird, dass den Elefanten durch den Menschen nichts passiert.

 

Pate für ein Jahr

 

Am Abend bringt Alex Mtoto in seinen Stall. Er hat 50 Euro bezahlt, und ist jetzt sein Pate. So können die Tierpfleger Futter und Milchpulver kaufen. Ein Jahr lang bekommt er Fotos von ihm und weiß, wie es dem Elefantenjungen geht. „Lala salama“, sagt Alex zum Abschied: „Gute Nacht.“

 

 

Tiere-EXTRA

Elefanten auswildern

Damit die Waisen-Elefanten wissen, wie es in der Freiheit ist, werden sie mit wilden Elefanten trainiert. Sie lernen, dass sie etwa vor einem Löwen, aber auch Menschen davon laufen müssen. Und wie sie Futter finden. Meist dauert es zwei Jahre, bis sich die Elefanten in der Wildnis zurechtfinden. Wenn sie dort krank werden, behandelt sie ein Tierarzt. Denn im Nationalpark in Kenia gibt es fünf Flugzeuge, damit die Tierärzte die langen Strecken zurücklegen können.

 

Verletzungen heilen

Giraffen fressen vor allem Blätter von Akazien. Das sind hohe, dünne Bäume mit fiesen langen Stacheln. Würden wir diese Blätter abbeißen, würden wir uns an den Stacheln stechen und uns wehtun. Bei Giraffen hat es die Natur so eingerichtet, dass sie keine Schmerzen haben, wenn die Stacheln sie stechen – weil die Zunge so hart ist. Und falls sie sich doch einmal verletzen, gibt es dafür eine Lösung: Der Speichel der Giraffe tötet Bakterien und Viren ab und lässt eine Verletzung gleich wieder heilen. Darum kann man Giraffen küssen, ohne sich mit Krankheiten anzustecken.

Text: Leonhard F. Seidl