Wer ist hier denn aus dem Nest gefallen?

Vogelbild

Julian kümmert sich um einen kleinen Vogel, der aus dem Nest gefallen ist. Foto: privat

Das passiert im Frühling immer wieder: Ein kleiner Vogel hüpft auf dem Gehweg umher und piept laut. Ist der Kleine aus dem Nest gefallen, ist er verletzt? Was ist zu tun? Nicht beachten oder mitnehmen? Wir haben eine Expertin gefragt.


Stefanie Kühner ist eine Vogelexpertin. Sie arbeitet ehrenamtlich im Erlanger Tierheim und rät zunächst, den aus dem Nest gefallenen Jungvogel mit einem gewissen Abstand zu beobachten. Wenn er zwitschert und herumhüpft ist alles o.k.. „Die Vogeleltern sind in der Nähe und werden ihn ganz sicher weiterfüttern“, erklärt sie. Die Sache mit „aus dem Nest fallen“ sei eigentlich ein Missverständnis. Denn wenn kleine Vögel voll befiedert sind, halten sie sich auch mal außerhalb des Nestes auf. Das ist ganz normal.

 

„Denn es kommt immer wieder vor, dass die Nester beispielsweise von Eichhörnchen geräubert werden. Wenn sich die Jungtiere auch am Boden aufhalten, erhöht sich die Chance zu überleben. Also nicht immer alle Vögel einsammeln!“, bittet Stefanie Kühner. Sitzt der Jungvogel aber auf einer Straße, oder ist er anderweitig in Gefahr, sollte man unbedingt eingreifen. Dazu am besten den Vogel vorsichtig mit den Händen hochnehmen und in den nächsten Garten setzen.

 

Dass der Vogel jetzt etwas nach Mensch riecht, macht nichts. „Vögel gehen nicht nach Geruch, und die Vogeleltern werden ihre Jungen selbstverständlich weiterfüttern“, sagt die Expertin.
Anders sieht es aus, wenn der Jungvogel nicht piept und regungslos auf einer Stelle verharrt. In diesem Fall sollte man den Kleinen mitnehmen. „Zu Hause eine kleine Schachtel oder einen Karton mit Haushaltstüchern auspolstern und einen warmen Platz für den Vogel suchen. Auf einer Heizung beispielsweise“, erklärt Stefanie Kühner.

 

Vogel-lbv

Ein Star. Foto: LBV

Auf keinen Fall sollten die Jungvögel mit Rotlicht bestrahlt werden. „Das trocknet die Haut aus. Sie wird rissig und bekommt offene Stellen, die sich dann entzünden.“
Als erste Notversorgung eignet sich ein Rührei, das man ohne Fett in der Pfanne brät und in ganz kleinen Stückchen dem Vogel füttert. Für den Anfang sind auch in Wasser eingeweichte Beoperlen, ein Spezialvogelfutter, geeignet. „Bloß kein Brot oder gar Käse geben. Die Jungvögel vertragen diese Nahrung nicht und sterben qualvoll.“

 

Auch keine gute Idee ist es, nach Regenwürmer zu buddeln. „Amseln und Drosseln fressen zwar Regenwürmer, aber kranken, geschwächten oder gar körnerfressenden Tieren diese zu geben, ist ein Todesurteil“, sagt Stefanie Kühner. In den Regenwürmern befinden sich sogenannte Parasiten. Wenn die Jungvögel die Regenwürmer fressen, sterben sie an innerem Parasitenbefall.

Bei den Jungvögeln, die die 45-Jährige im Tierheim versorgt, unterscheidet sie zuerst die insekten- oder körnerfressenden Vögel und stimmt den jeweiligen Futterbrei ab. „Der Brei ist leider sehr teuer und mit großen Kosten für uns verbunden.“ Deshalb bittet Stefanie Kühner all diejenigen, die geschwächte Vögel ins Tierheim bringen, gleichzeitig auch ein wenig Geld für die Aufzuchtnahrung zu spenden.

 

Die Fachfrau hat sich ihr Wissen über die richtige Pflege von Jungvögeln in vielen Jahren erarbeitet. „Wir sollten uns klarmachen, dass es sich bei Vögeln um Wildtiere handelt. Wenn wir sie aufgepäppelt haben, werden sie ausgewildert. Die Vögel dürfen nicht handzahm werden!“
Bei der Fütterung ist es daher wichtig, dem Tier nur die Aufmerksamkeit zu schenken, die es braucht. Kurz füttern, dann aber ignorieren, auch wenn der Vogel noch so piept.
Je nach Alter und Vogelart füttert man alle eineinhalb bis zwei Stunden. Ganz junge Vögel sogar stündlich. „Aber in der Nacht ist Ruhe, da schlafen sie“, sagt Stefanie Kühner und lacht.

Julia Beeck