Zoe, Thomas und Paul sind die ganze Klasse

In Schnabelwaid in der Nähe von Bayreuth ist eine der kleinsten Grundschulen von ganz Bayern. Es gibt dort nur zwei Klassen. Die 17 Erst- und Zweitklässler haben zusammen Unterricht. Genauso ist es bei den 15 Kindern aus der Dritten und Vierten. Macht zusammen genau 32 Schüler. Hier kennt wirklich jeder jeden. Für die einzigen drei Erstklässler in diesem Jahr – Zoe, Thomas und Paul – war der Schulanfang deshalb auch gar nicht schwer. Wir haben die Mini-Schule besucht.

 

In der Grundschule Schnabelwaid gibt es in diesem Schuljahr insgesamt nur 32 Kinder. Die Hälfte davon siehst du hier: Das sind die Klassen 1 und 2 zusammen beim Lernkreis. Foto: Manuela Prill

 

Fangen wir gleich mal bei einer ganz wichtigen Sache an: der Pause! Hast du auf deinem Schulhof genügend Platz zum Toben? Oder geht es manchmal ein bisschen eng zu, weil die einen Fußball spielen wollen und die anderen lieber Fangen? Der Pausenhof in Schnabelwaid ist ziemlich groß. Und weil ihn sich nur 32 Kinder teilen müssen, gibt es genug Platz für alle. Die Kicker können ungestört Tore schießen. An der Rutsche muss man nicht lange anstehen. Und wer Ruhe möchte, kann unter einem der großen Bäume gemütlich sein Pausenbrot futtern. Ziemlich entspannt – so eine Pause in Schnabelwaid. Im Unterricht wird natürlich genauso fleißig gelernt wie in jeder anderen Schule auch.

 

In der Klasse 1/2 steht grade Mathe auf dem Stundenplan.Klassenlehrer Florentino Mayer erklärt erst den Zweitklässlern, welche Aufgaben sie in Stillarbeit machen sollen. Dann geht er mit Zoe, Thomas und Paul (alle sechs Jahre alt) in einen Nebenraum, um mit ihnen Rechnen zu üben.

 

Jeder kennt jeden

 

Dass sie die einzigen Erstklässler an der Schule sind, ist für die drei nichts Besonderes. „Wir kennen ja alle schon aus dem Kindergarten“, meint Thomas. Da fühlt man sich gar nicht fremd. Nur Zoe ist ein bisschen traurig. „Ich bin das einzige Mädchen, weil meine Freundin weggezogen ist“, erzählt sie. Paul kommt aus Rumänien, er spricht noch sehr wenig Deutsch. Deshalb bekommt er Unterstützung von Andrea aus der 3. Klasse. Sie kann Rumänisch und hilft beim Übersetzen.

 

Überhaupt wird gegenseitiges Helfen groß geschrieben an der kleinen Schule. „Ich kümmere mich zum Beispiel um Zoe und schaue, dass sie richtig aufschreibt, was als Hausaufgabe auf ist“, sagt Evelyn, die schon sieben Jahre alt ist. Mit Thomas hat sie schon Buchstaben geübt. Ihre Freundin Pauline (7 Jahre alt) findet es schön, dass sie in eine kleine Schule geht. Die Begründung ist einfach: „Weil man alle kennt“. Oft treffen sich die Kinder am Nachmittag zu Hause zum Spielen.

 

Grundschulen mit nur zwei Klassen wie in Schnabelwaid gibt es in Bayern ungefähr 50 Stück. Drei Klassen haben ungefähr 80 bayerische Schulen. Nicht mitgezählt sind dabei private Schulen, also Einrichtungen, die nicht vom Bayerischen Staat betrieben werden. Dass es in Bayreuth oder Nürnberg viel größere Schulen gibt, hat Pauline schon gehört. Nur mal zum Vergleich: in der Reutersbrunnenschule in Nürnberg kamen vor ein paar Wochen über 100 Jungen und Mädchen in die 1. Klasse. So richtig vorstellen kann sich Pauline das nicht.

 

Nur fünf Lehrer

 

Wer alle Namen der Kinder neu lernen musste, ist Florentino Mayer. Der Grundschullehrer ist erst seit diesem Schuljahr in Schnabelwaid. Vorher hat er in einer Schule in München unterrichtet. „Das ist schon ein großer Unterschied“, meint er. „Hier ist es irgendwie lockerer und entspannter“, erzählt er. Insgesamt hat er vier Kollegen. Es gibt noch zwei Religionslehrer, eine Förderlehrerin und eine Lehrerin für Werken und Gestalten. Man sei wie eine große Familie. Das findet Mayer „schon toll!“

 

Einen Rektor gibt es natürlich auch, und das ist Gerhard Berlinger. Ihm fällt ein klitzekleiner Nachteil für eine kleine Schule ein. „Wir müssen alles so machen, wie in einer großen Schule auch. Aber weil wir nur wenige Leute haben, müssen wir alles selber machen“. Also wenn zum Beispiel die Computer mal streiken, gibt es keinen Spezialisten, den Berlinger anrufen kann. Aber der Rektor lacht, als er das erzählt. Denn eigentlich ist er ziemlich stolz auf seine kleine Schule. Angst, dass sie geschlossen werden könnte, braucht Gerhard Berlinger nicht haben. „Die Mindestanzahl für Schulen in Bayern ist 26 Kinder“, erklärt er. Er weiß, dass nächstes Jahr wieder sechs Erstklässler in Schnabelwaid eingeschult werden.

 

Text: MANUELA PRILL